Von Auge bis Hand

14. April 2014 § Hinterlasse einen Kommentar

Wer nach einer Einzelausstellung im Programm der Quadriennale sucht, wird einzig im KIT – Kunst im Tunnel fündig. Unter dem Titel Der berührte Rand werden dort sieben Werke der jungen Kölnerin Pauline M’Barek präsentiert. Aber was heißt schon „Präsentation“ – das KIT unter der künstlerischen Leitung Gertrud Peters bzw. die Künstlerin selbst hat sich vielmehr die Aufgabe gestellt, den ungewöhnlichen Raum unter der Rheinuferpromenade sowohl thematisch wie auch räumlich unter ein einheitliches Konzept zu stellen.

Den Auftakt bei der Begehung des Tunnels macht M‘Bareks Videoarbeit „Semiophoren“ (2013). Zusammen mit „Void“ (2014), ist sie die überzeugendste Arbeit der Ausstellung, außerdem verdeutlichen beide das zugrundeliegende Thema von Bareks Soloschau: Berührung in einem buchstäblichen und einem auf die Wirkkraft der Kunst übertragenen Sinn. Das Schöne an ihnen ist, dass beide dies auf sehr reduzierte und doch sehr eindringliche Art und Weise tun. In „Semiophoren“ also, kann der Besucher zwei weiß-behandschuhte Hände in Nahaufnahme, genauer gesagt, wie diese verschiedene Gegenstände betasten, in aller Ruhe betrachten. Direkt auf den grauen, grobporigen Beton des KIT projiziert verschmilzt das schwarzweiße Videobild mit der Wand. Das hat zur Folge, dass die betasteten Gegenstände nur dann in ihrer Form erkennbar werden wo sie sich vor den leuchtend hellen Handschuhen abzeichnen. Ein paar Meter weiter, gibt die Kamera in „Void“ ihren herangezoomten, statischen Blick erneut auf zwei Hände frei, die nun im direkten Hautkontakt einen Klumpen Ton zuerst schlagen und dann die feuchte Masse auf einer Drehscheibe zu verschiedenen, bauchigen Gefäßen hochziehen. Obwohl diese Vorgänge weder spektakulär noch neu sind, schaffen M‘Bareks Arbeiten doch einen Sog beim Betrachter auszulösen. Allein durch die Isolation bzw. Konzentration auf diese Vorgänge schaffen sie es, mittels des Sehsinns beim Betrachter eine haptische, körperliche Erfahrung heraufzubeschwören – das Gefühl von nassem, schmierigem Ton, der sich durch die Zwischenräume der Finger quetscht wird evoziiert. Eine andere Variation des gleichen Themas beschreiben 73 „Artefakte“ (2014). Sie sind auf einem beleuchteten Spiegelregal aufgereiht, das sich an die Flanke, der sich nach hinten verjüngenden Architektur, anschmiegt. Wer sich zuerst durch Materialität und Form an Gebissgipsabgüsse erinnert fühlt liegt gar nicht so falsch. Die zerbrechlichen Gebilde, die durch ihre Spiegelung auf ihrer Unterlage in einer Art Rohrschacheffekt noch fragiler und fantastischer wirken, rühren tatsächlich von Körperabdrücken her. Feine Liniengeflechte rufen die Struktur von Haut in den Handinnenflächen hervor. Spezifische Einkerbungen verraten in Größe und Abstand den Verformungsvorgang von Fingern. Diese Beschreibung ist aber nur die halbe Wahrheit und wird den surrealen, fragilen Artefakten, die zum Vergleichen und dem Nachvollzug ihrer Transformationsprozesse einladen, nicht gerecht.

Was den Versuch betrifft, im durchaus schwierigen Raum des KIT eine kohärente Rauminstallation zu schaffen – er wirkt manchmal etwas zu bemüht. Die wiederkehrenden Themen, Materialien und Ästhetiken M‘Bareks verflechten die Einzelpositionen ja bereits miteinander. Verstärken soll diesen Effekt dann auch noch der Bezug zum Raum, der durch die außergewöhnliche Architektur natürlich fast danach verlangt. Dazu wurde von M‘Barek eigens eine mit „Schleife“ (2014) betitelte Arbeit aus Tape geschaffen. Die weiß-grauen Bahnen (böse Gesellen denken an den gleichen Hersteller wie vom überall wuchernden (lila) Geflecht des Quadriennalemarketings) ziehen sich über Boden und Wände, überkreuzen sich, ziehen den langgestreckten Raum noch weiterzusammen. Dagegen ist nichts einzuwenden, es funktioniert auch irgendwie. Es wirkt aber gleichzeitig – wie manch andere Entscheidungen – so als ob ein Horror vacui, die Angst vor zu viel Raum, über die Qualität der ausgestellten Arbeiten gestellt wurde. Dann ist es vielleicht auch nicht schade, dass scheinbar keine Arbeit für den Eingangsbereich des KIT gefunden wurde. Gerade der sich in der horizontalen verjüngende Teil des Tunnels, der sich gleich beim Betreten des Untergeschosses eröffnet, war aber bereits des Öfteren spannender Ideengeber oder Rahmen für künstlerische Arbeiten.

Trotz der kleinen Wehmutstropfen ist Der berührte Rand aber eine sehenswerte Ausstellung. Im großen Kontext der Quadriennale, die sich ja bekanntlich dem super-allumspannenden Thema „Über das Morgen hinaus“ widmet, stellt diese Ausstellung eine kleine aber beharrliche und in ihrer Schlichtheit schöne Position dar. Das soll nicht heißen, dass sich alles nur um Tast- und Sehsinn und deren Verknüpfung dreht, gar der Eindruck einer unterkomplexen Ausstellung aufkommt. Weitere Ideenhorizonte wie Innen-Außen, die Frage nach dem Wert und der Auswahl von museumswürdigen Artefakten (auch der Titel „Semiophoren“ ist so ein Hinweis) könnten weitergespannt werden. Müssen aber ja nicht unbedingt immer, weil eine kleine Herausforderung und Berührung der Sinne manchmal schon genug ist. (RD)

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